Foto: KI generiert
Sie wollte sich gerade in ihr Auto setzen, als sie die Erkenntnis wie der sprichwörtliche Blitz traf. Sie hatte ihren Koffer am Bahnhof vergessen. Zum Glück fiel es ihr noch rechtzeitig ein und auf.
Glück, na ja, das wird sich noch zeigen, vielleicht nicht gerade am Anfang der Geschichte.
Als sie auf durch das Bahnhofsgebäude auf den Bahnsteig kam, traute sie ihren Augen nicht. Ein riesiger Berg an Koffern wartete dort. Koffer in allen möglichen Farben und Größen.
„Na endlich, da sind Sie ja endlich. Ich will Feierabend machen!“ Die Mitarbeiterin der Deutschen Bahn hielt ihr ein Formular unter die Nase, „Hier unterschreiben, dass Sie alle abgeholt und mitgenommen haben.“
„Aber …“ Sie schaute auf den riesigen Berg. „Ich hatte doch nur einen dabei.“
„Ja, das sagen Sie alle, wenn sie hier sind. Und ja, Sie hatten immer nur einen Koffer und dann wieder einen und wieder einen und wieder einen … Da kommt schon eine Menge zusammen. Sie sind aber in meiner Laufbahn die ungeschlagene Königin der abgestellten und nicht abgeholten Koffer. Also machen wir es kurz. Unterschreiben Sie bitte hier!“
„Wie soll ich die denn alle transportieren?“
„Nicht mehr mein Problem!“
„Und wenn ich die stehen lasse?“, versuchte sie es ein letztes Mal.
„Die Entsorgungsgebühr wollen Sie nicht, glauben Sie mir!“
Sie glaubte dem Tonfall der DB-Mitarbeiterin, der klang, als wäre sie ihr Leben lang, ohne es zu wissen, mit all den Koffern schwarzgefahren. Noch mehr glaubte sie dem dazugehörigen Gesichtsausdruck und ihrer Geldbörse, in der der Urlaub ein ziemliches Loch gerissen hatte.
Sie unterschrieb und saß zwei Minuten später mutterseelenallein auf diesem Bahnsteig mit einem Berg an Koffern.
Der Duft von Kaffee stieg in ihre Nase. Sie seufzte, folgte dem Geruch und bestellte sich einen im Bahnhofscafé, das sehr klein, aber gemütlich wirkte.
„Ah, mal wieder jemand mit Kofferproblemen?“, lachte die Bedienung hinter der kleinen Theke. Ein Mann, kurze schwarze Haare, blaues T-Shirt, Alter schwer zu schätzen, also für sie schwer zu schätzen. Apropos schätzen, sie war anscheinend auch Meistern im Verschätzen, denn all diese Koffer gehörten anscheinend ihr.
Sie nickte also nur.
„Oha, dann sind Sie wohl die Meisterin der abgestellten Koffer. Auf sie wurde hier lange gewartet.“ Er schob den Kaffee über den Tresen, „geht aufs Haus, Sie werden ihn brauchen!“
Sie fühlte sich ungefragt in ein schlecht geschriebenes Buch hineinversetzt. Und das war erst der Anfang einer noch schlechteren Geschichte, die immer so und nicht anfing.
„Woher wissen Sie das?“, fragte sie, weil ihr nichts Besseres einfiel, sie ihr Problem da auf dem Bahnsteig für diesen wunderbar duftenden Kaffee ignorieren wollte und es hier obendrein schön warm war.
„Das wollen Sie nicht wirklich wissen, oder? Ich weiß es einfach wie Sie auch, wenn Sie ehrlich zu sich sind. Ein Kaffee ist ein guter Anfang für so viele Koffer.“
„Sie meinen, da könnte Kaffee in einem der Koffer sein?“ Sie lachte schief.
„Das müssten Sie am besten wissen, aber ich höre, Sie sind völlig ahnungslos, was sie hier in all den Jahren so alles abgestellt haben. Wir haben auch Zimmer und Kofferwagen, falls sie mit ihren Koffern länger brauchen.“
Sie schaute ihn entsetzt an.
🐤 „Elefant, sie hat aber wirklich sehr viele Koffer.“
🐘 „Ja.“
🐤 „Wie soll sie die denn alle mitnehmen?“
🐘 „Wer sagt denn, dass sie das soll?“
🐤 „Die Frau von der Bahn!“
🐘 „Ach Ente. Nur weil jemand dir ein Formular unter die Nase hält, musst du doch nicht dein ganzes Leben danach packen.“
Fortsetzung folgt …

